Das Märchen vom Eichenkratt


"Bei Steyerberg, zu alter Zeit,
wohnte Ritter Ungescheit.
Er hatte eine Burg - ganz alt -
und einen schönen Eichenwald.
Dort ritt er eines Tag´s spazieren -
wollte ein neues Ross probieren.
Da trat vor ihn ein kleines Männchen,
ein Zwerg - er hob das Händchen -
doch Ungescheit war nicht gescheit,
er freute sich auf einen Streit.
Er gab dem Ross die Sporen -
„Was hast du hier verloren?“ -
so brüllte er mit lauter Stimme -
der Ungescheit, der Schlimme.
Das Männchen aber sagte ihm:
„Hör zu – vernimm!
Wir Zwerge leben alle Zeit
mit Menschen stets in Friedlichkeit.
Doch wenn du das nicht willst,
nur den Ärger an uns stillst,
so sei der Wald hier auf dem Berge
verwandelt in das Schloss der Zwerge!“
Am nächsten Tag, als Ungescheit
schon zu früher Morgenzeit
ritt zum Walde, wo die Eichen
stattlich fast bis zum Himmel reichen,
nein - das konnte doch nicht sein -
nichts blieb mehr von dem Eichenhain
als nur der Bäume Krone -
dem Ritter Ungescheit zum Hohne!
Doch unten in der Erde haben
die Zwerge den Palast gegraben
und hundert Eichenstämme sind
die Säulen, ja, mein liebes Kind.
So kommt es, dass der Eichenkratt
auch heute keine Stämme hat.
Doch unten, in dem Reich der Zwerge,
im Palast, dort im Berge,
da steh´n auch heute noch die gleichen,
stolzen Stämme von den Eichen."

Johannes Düsterbeck

 

Das Eichenkratt ist ein Waldgebiet am Ostrand Deblinghausens. Es war vor Jahrhunderten ein Eichenhochwald, dessen Holz zum Hausbau verwendet wurde. Die Ausschläge aus den Stümpfen wuchsen zu neuen Ästen heran, die bei ausreichender Stärke erneut geschlagen wurden. Stämme bildeten sich nicht mehr aus, schienen unter der Erde zu stecken. Der Vorgang wurde über die Jahrhunderte mehrfach wiederholt. Diese Vorgehensweise nennt man "Niederwaldwirtschaft".

(s. auch: Deblinghausen - Ein Dorf im Wandel der Zeit von F. Bomhoff)